Vergessene Malereien in der Kirche aufgetaucht

veröffentlicht am 1. Juli 1985

 

Seit drei Wochen steht auf dem Friedhof ein Bauwagen. Stapel von Balken, Brettern und Gerüstteilen kündigen den nächsten großen Abschnitt der Restaurierungsarbeiten in unserer Kirche an.

Das Fachwerk im Chorbereich und an der Nordseite ist so schadhaft, daß zum Teil Schwellenbalken und Ständer völlig erneuert werden müssen. Dazu muß das Sockelfundament und einzelne gemauerte Fächer herausgeschlagen werden, um die Holzbalken entfernen zu können. Zuvor ist es jedoch nötig, das Dach in dem Bereich abzustützen. Zur Vorbereitung dieser Maßnahme wurden einige der Holzplatten mit den Bildern von W. Langbein (1930 gemalt) in der Kehle zwischen Wand und Tonnengewölbe im Innern der Kirche abgenommen. Dabei kamen zu unserem Erstaunen auf den darunter befindlichen Brettern ornamentale Jugendstilmalereien zum Vorschein. Es handelt sich nicht um biblische Szenen oder Gestalten, sondern Blumenranken, offene Bogen über den Fenstern, Blumenvasen in der Öffnung und Schmuckbänder als Rahmen. Obwohl die Farben z. T. schon verblichen sind, sind die Grau-, Braun-, Goldtöne noch gut zu erkennen.

Aus welcher Zeit stammen diese Malereien und wie sind sie in die Kirche gekommen? Als um 1900 die letzte Groß-Renovierung der Kirche stattfand, wurde bekanntlich fast das ganze Inventar der Kirche bis auf den Altar und die Bilder von Enoch Krull (1725) in der Wölbung hinter dem
Altar in das alte Pastorat ausgelagert. Darunter befanden sich auch die Bilder von Propheten, Aposteln und anderen biblischen Gestalten (insgesamt 22, wahrscheinlich ebenfalls von Krull gemalt). Am 27. Juni 1900 brach im damals strohgedeckten Pastorat Feuer aus, und mit dem Haus verbrannte die ausgelagerte Inneneinrichtung der Kirche. Bis auf den Altar und zwei holzgeschnitzte Türen vom Gestühl mußte alles neu beschafft werden: die Kanzel, das Taufbecken, die Leuchter, das Gestühl u. a. m.; 22 neue Bilder für das Gewölbe zu bestellen, überstieg vermutlich damals die finanziellen Möglichkeiten der Kirche. So kam es – wohl als Ersatz für die verbrannten alten Bilder – zu den jetzt wieder zum Vorschein gekommenen dekorativen Malereien.

Dazu bemerkt Pastor Dwenger in einem Artikel über „die Restauration der Kirche zu Allermöhe im Jahre 1930“: „Rund um das Tonnengewölbe hatte da, wo ehedem großflächige Bilder mit Propheten und Kirchenmännern in landschaftlicher Umgebung den Übergang zum weiten Wolken- und Engelshimmel des Gewölbes bildeten, ein „Malprofessor“ „in artistischer Perspektivspielerei“ „im Geschmack des Jugendstils“ (Förster, Marschlandfahrten) scheinbare Stichkappen über den Fenstern zurechtgezaubert“.

Bei dem „Malprofessor“, wie Förster ihn abwertend nennt, handelt es sich um Prof. Paul Düyffcke, dessen Wappen in einem Fenster unter der Orgelempore zu sehen ist« Dieses Fenster enthält außerdem die interessante Inschrift (mit fehlerhafter Datumsangabe des Brandes): „Die baufällige Kirche und die innere Einrichtung, letztere am 6. Juni 19oo bis auf den Altar vom Feuer zerstört, wurde im Jahre 19oo u. 1901 von dem Architekten Hugo Groothoff in Hamburg wieder hergestellt. Bei der malerischen Ausstattung leistete Prof. Paul Düyffcke in Hamburg künstlerischen Beistand“.

1929 beschloß der Kirchenvorstand von Allermöhe eine gründliche Neuausmalung. Sie wurde 1930 ausgeführt, die Gesamtleitung lag in den Händen des Elmschenhagener Kunstmalers Langbein. Er erhielt auch den Auftrag, 16 Gemälde über den Fenstern rund um die Hohlkehle des Tonnengewölbes in altem Stil neu zu schaffen. Das sind die heutigen Bilder. Die Ausmalung des Kirchenraums selber wurde dem Allermöher Malermeister Hauenstein, dem Vater unseres Gemeindeglieds Kurt Hauenstein, übertragen.

So erinnern uns die alten unerwartet wieder aufgetauchten Bilder an ein Stück Geschichte unserer Kirche.

H.-J. Preuß