Neuer Gemeindebrief mit Grußwort von Pastor Andreas Meyer-Träger

veröffentlicht am 1. Dezember 2019

Der neue Gemeindebrief UNS KIRCH für die Monate Dezember 2019, Januar, Feburar, März 2020 ist erschienen und wurde bereits verteilt. Weitere Exemplare liegen in der Kirche aus und sind im Gemeindebüro erhältlich. Nachstehend das darin enthaltene Grußwort von Pastor Andreas Meyer-Träger:

Ein verwegener Glaube

Wenn Sie diesen Gemeindebrief in Händen halten, dann sind es nur noch wenige Tage, bis ein neues Jahrzehnt anbricht. Vor uns stehen die „zwanziger Jahre“. Ich denke an die 1920er – eine Epoche, die uns geprägt hat, auch wenn wir sie gar nicht selbst erlebt haben. Plötzlich war ganz vieles anders: in Deutschland wurden Monarchie und Adel abgeschafft. Besonders für die Frauen gab es sehr viele Veränderungen – endlich durften sie auch wählen. Sie mussten nicht mehr den ganzen Körper bedecken, wenn sie auf die Straße gingen, sondern es gab kurze Kleider und kurze Haare! In Kunst und Architektur wurden viele neue Wege beschritten. Die Erkenntnisse in der wissenschaftlichen Forschung explodierten gleichsam. Demokratie spielte eine große Rolle. Vieles konnte ausprobiert werden. Die Technik veränderte das Leben der Menschen von Grund auf. Die Grundstimmung war liberal, hoffnungsvoll und weltoffen. So jedenfalls sehe ich die positive Seite der zwanziger Jahre. Aber damals haben die meisten Menschen die vielen, rasch auf einander folgenden Veränderungen nicht verarbeiten können. Berühmt ist der Börsenkrach von 1929, der eine weltweite Wirtschaftskrise heraufbeschworen hat. In vielen Gegenden der Erde rief man nun nach einem starken Staat. In Amerika versuchte man sein Glück mit dem „New Deal“. In Europa haben sich in den meisten Ländern Regierungen etabliert, die man als faschistisch oder diktatorisch bezeichnen muss. Das halte ich rückblickend für einen Ausdruck von Sehnsucht nach einer geordneten Welt in einer Zeit, die alle überfordert hat. Auf die extreme Liberalität folgte die extreme politische Reaktion. Der zweite Weltkrieg stürzte alle in die Katastrophe. In meiner Wahrnehmung leben wir wieder in einer Zeit, die sehr viele Veränderungen mit sich bringt, deren Wirkungen sich überhaupt nicht absehen lassen. Ich beobachte in vielen Bereichen eine Verelendung der Kommunikation. Die Menschen reden weniger miteinander. Es wird kaum noch um die Wahrheit gerungen. Wenn sie streiten, dann pöbeln sie. Zu beobachten ist auch ein Herabsinken in den Umgangsformen. Auf dem Friedhof sehe ich Besucher, die ohne die geringsten Bedenken sich mit freiem Oberkörper sonnen wollen, oder die Bier trinken. Es besteht keine Einigkeit mehr darüber, was erlaubt ist und was nicht. Viele ziehen sich resigniert zurück. Was hat das kommende Jahrzehnt für uns bereit? Wie soll man darauf reagieren, dass die Zukunft uns nicht verrät, was sie bringt? Die Christen sind in Hamburg eine Minderheit. Anders gesagt: Die meisten Bürger in Hamburg halten die Gottlosigkeit für den Normalfall. Sie haben resigniert, sie haben ihre Hoffnung verloren, sie rechnen nicht mit einem gütigen Gott, der sie trägt. Resignation und Pessimismus sind keine Antwort!

Mich trägt eine Einsicht, die der Apostel Paulus im Römerbrief formuliert hat: „Dem, der an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet. (Rm 4;5).“ Das steht tatsächlich in der Bibel: Gott rechtfertigt den, der gottlos ist, dem es an Frömmigkeit mangelt. Anders gesagt: der christliche Glaube geht davon aus, dass Gott jeden Menschen retten will. Wie sollte er dann die Welt im Chaos versinken lassen? Unser Glaube überwindet die Welt. Wir sehen, wie die Welt aussieht, aber wir verzagen nicht. „Dieser rechtfertigende Glaube ist eine lebendige und verwegene Zuversicht, die uns fröhlich macht und…dazu bereit, jederman Gutes zu tun“ (Konkordienformel IV,25). Diese Formulierung stammt aus dem 16. Jahrhundert. Und mir gefällt sie gut, weil sie uns Hoffnung gibt in einer unentschiedenen Welt.

Der christliche Glaube ist verwegen, er ist mutig, er wagt etwas und er macht uns fröhlich und hilft uns – doch jedenfalls je und dann – Gutes zu tun. Wir gehen hoffnungsvoll in die Zukunft!

Ihr Andreas Meyer-Träger